Mit Mut, Menschlichkeit und langem Atem: Prof. em. Dr. med. Georg F. Hoffmann blickt zurück
Lieber Georg, wenn Du heute auf Deine Zeit als geschäftsführender Direktor der Kinderklinik zurückblickst: Welcher Moment erfüllt Dich mit dem größten Stolz?
„Stolz“ ist für mich ein bisschen ein Fremdwort. Das größte Glück ist für mich, dass wir es geschafft haben, die Kinderklinik neu zu bauen und neu auszurichten.
Der alte Bau war völlig dysfunktional für eine moderne Klinik. Ich hätte den Neubau wahrscheinlich gar nicht mehr in meiner aktiven Zeit erlebt, wenn ich nicht die Initiative ergriffen und mich an verschiedene einflussreiche Menschen gewandt hätte. Gemeinsam mit Manfred Lautenschläger haben wir es schließlich geschafft, dass er die damals größte private Spende in Deutschland für eine Klinik gegeben hat. Damit konnte die Kinderklinik neu gebaut werden.
Das ist das wichtigste übergeordnete Projekt, was ich in meiner Zeit als Klinikdirektor erreicht habe. Sonst wären wir wahrscheinlich immer noch in dem Plattenbau– ohne Toiletten und Zimmer für die Eltern über 13 Stockwerke verteilt. Für mich war es deshalb entscheidend, dass dieser Neubau gelungen ist.
Gab es in Deiner Laufbahn eine Entscheidung oder ein Projekt, das zunächst viel Mut erforderte und sich im Nachhinein als besonders richtungsweisend erwiesen hat?
Das war sicherlich ebenfalls der Neubau. Die ursprüngliche Planung dafür sah eine Kinderklinik mit nur 90 Betten vor. Schon damals war klar, dass wir damit nicht auskommen würden. Gleichzeitig wurde sogar überlegt, dass die Stadt Heidelberg eine eigene kleine Kinderklinik bauen sollte.
Als die Planung im Ministerium lag, wurde mir nahegelegt, zu unterschreiben, dass ich damit einverstanden sei. Ich habe gesagt: „Das unterschreibe ich nicht. In diesem Gebäude können wir die Kinder der Region nicht versorgen.“ Ich war in dieser Situation ehrlich gesagt ziemlich überfordert und auch etwas überfahren, aber ich wollte nichts unterschreiben, von dem ich überzeugt war, dass es für die Kinderklinik nicht ausreichen würde.
Am Ende hat sich gezeigt, dass es richtig war, hartnäckig zu bleiben. Die Planung wurde verändert, mit dem Einzug in den Neubau kamen direkt die nächsten Baustufen hinzu. Rückblickend war es wichtig, dass ich nicht einfach akzeptiert haben, was mir vorgelegt wurde. Wir haben immer wieder gesagt: Ihr plant an uns vorbei. Und letztlich hat es funktioniert.
Du hast Generationen von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften begleitet und geprägt. Was war Dir in der Ausbildung und Förderung des medizinischen Nachwuchses immer besonders wichtig?
Ich habe in dieser Zeit gut zweihundert Ärztinnen und Ärzten begleitet und war auch immer eng mit der Pflege verbunden. Das ist etwas sehr Pädiatrisches, weil wir in der Kinder- und Jugendmedizin ganzheitlich arbeiten, auch wenn wir uns natürlich immer weiter differenzieren.
Ich hoffe, dass ich viele Kolleginnen und Kollegen im Miteinander geprägt habe und dass diese Jahre für sie ein wichtiger Lebensabschnitt waren. Mir war dabei nicht nur ihre Ausbildung wichtig, sondern auch ihre weitere berufliche und menschliche Entwicklung. Besonders wichtig war mir, dass viele später in die ambulante Versorgung gehen.
Das beschäftigt mich bis heute, weil die Versorgung von Kindern in der Fläche zunehmend schwieriger wird. Deshalb bin ich froh, dass wir so viele junge Menschen ausbilden konnten und viele von ihnen die Versorgung der Kinder jetzt auch außerhalb der Klinik sicherstellen.
Die Kinder- und Jugendmedizin hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Welche Veränderungen haben Dich dabei am meisten beeindruckt oder bewegt?
Zwei große Entwicklungen haben mich besonders beeindruckt.
Das eine ist die Frühgeborenenmedizin. Ich kann mich noch daran erinnern, dass Kinder mit 1.000 Gramm häufig gestorben sind. Heute versorgen wir Kinder erfolgreich ab 500 oder 600 Gramm, und drei Viertel bis vier Fünftel dieser Kinder überleben gut. Wenn man ein solches Kind selbst sieht, wundert man sich trotzdem darüber, was medizinisch möglich geworden ist.
Die zweite große Entwicklung betrifft die seltenen Erkrankungen. Hier sind ebenfalls gewaltige Fortschritte gemacht worden. Bei Krebs können heute rund 80 Prozent der Kinder geheilt werden. Und inzwischen gibt es auch bei vielen seltenen neurologischen und muskulären Erkrankungen Therapien, mit denen wir erstmals die Ursache behandeln können.
Damit verbunden ist das Neugeborenenscreening für mich ein entscheidender Fortschritt. Wir haben es von ursprünglich fünf auf heute 36 Krankheiten ausgebaut. Wir finden dadurch viel mehr Kinder, denen wir jetzt frühzeitig entscheidend helfen können.
Das alles zu erleben und einen Beitrag zu leisten, ist für mich ein großes Glück. Krankheit für Krankheit kommen neue Therapiemöglichkeiten hinzu. Der Weg, den wir gehen, ist gewaltig und noch länger nicht zu Ende.
„Wir dürfen das ganze Kind nicht aus dem Blick verlieren“
Neben medizinischer Exzellenz braucht eine Kinderklinik vor allem Menschlichkeit. Welche Werte haben Dein Handeln und Deine Entscheidungen über all die Jahre geleitet?
Menschlichkeit und Ganzheitlichkeit sind für mich wichtige Werte. Die Kinder- und Jugendmedizin muss sich diese Ganzheitlichkeit auch bei zunehmender Spezialisierung bewahren.
Wir betreuen Kinder ganzheitlich, auch wenn es inzwischen für viele Fragestellungen Spezialisten gibt. Darin sehe ich eine gewisse Gefahr: Wir dürfen bei aller Spezialisierung das gesamte Kind und seine Familie nicht aus dem Blick verlieren.
Die Digitalisierung kann uns dabei helfen, auch bei komplexen und seltenen Erkrankungen die beste Therapie zu finden. Gleichzeitig brauchen wir genügend Kinderärztinnen und Kinderärzte und gut ausgebildete Pflegekräfte.
Für mich gehört zu einer guten Kinderklinik deshalb immer beides: medizinische Exzellenz und der Blick auf den ganzen Menschen – auf das Kind, seine Familie und sein Leben außerhalb der Klinik.
Viele Förderprojekte, die heute aus der Kinderklinik nicht mehr wegzudenken sind – von der Musiktherapie über „Fit für die Schule“ bis hin zum neuen Skills Lab – hast Du mit Hilfe von „COURAGE“ initiiert oder maßgeblich begleitet. Welches dieser Projekte liegt Dir besonders am Herzen und warum?
Besonders am Herzen liegt mir aktuell das Skills Lab, weil es die Ausbildung und die Zukunft der Pflege für die gesamte Kinderklinik betrifft.
Die Pflege ist immer komplexer und intensiver geworden parallel mit der Medizin. Wir brauchen deshalb immer mehr gut ausgebildete Menschen und gerade in einer Kinderklinik Menschen, die speziell für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen qualifiziert sind.
Das Skills Lab bietet dafür einen geschützten und gleichzeitig realitätsnahen Raum. Früher wurden junge Pflegekräfte oft manchmal ins kalte Wasser geworfen. Auf einer Station herrscht Hektik, und dann muss man schnell etwas alleine machen. Im Skills Lab kann man dagegen in Ruhe und intensiv trainieren – mit Menschen, die gerne ausbilden und sich dafür Zeit nehmen.
Ähnliches gilt für die Sozialberatung und die psychologische Begleitung, v.a. bei schweren (noch) unheilbaren Erkrankungen, die wir mit COURAGE initiiert haben. Gerade bei chronisch und palliativ erkrankten Kindern gibt es außerhalb der Klinik große Lücken. Mit COURAGE konnten wir dazu beitragen, diese Lücken zu schließen und Familien auch zu Hause empathisch und kompetent zu begleiten.
Auch nach Deiner Emeritierung engagierst Du Dich als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung COURAGE mit großem Einsatz für chronisch kranke Kinder. Was motiviert Dich, diese Aufgabe weiterzuführen?
COURAGE ist für mich seit bald 25 Jahren eine wichtige und sogar immer wichtigere Aufgabe. Die Medizin ist heute so weit, dass immer mehr chronisch kranke Kinder eine Perspektive haben. Aber sie haben häufig weiterhin chronische Einschränkungen und benötigen deshalb Unterstützung, die weit über die medizinische Behandlung hinausgeht.
Es geht darum, wie sie am Schulunterricht teilnehmen, Sport machen können, wie die Eltern beraten werden, wie sie mit ihrer Erkrankung im Alltag zurechtkommen. COURAGE kann dabei vernetzen, bei der Suche nach geeigneten Hilfsmitteln helfen und in besonderen Fällen auch finanziell unterstützen.
Besonders schön ist es, wenn man erlebt, dass eine konkrete Hilfe das Leben eines Kindes verändert – etwa, wenn ein Sprachcomputer einem Kind ermöglicht, wieder besser am Schulalltag teilzunehmen.
Auch Freizeitangebote für chronisch kranke Kinder sind enorm wichtig. Ein normaler Urlaub ist für diese Familien oft kaum möglich. Genau diese Verbindungen zwischen Medizin, Familie, Schule, Freizeit und gesellschaftlicher Teilhabe müssen wir fördern.
Das alles wird auch in Zukunft notwendig sein. Und solange ich fit bin, möchte ich mich gerne weiter einbringen. Das ist für mich sehr sinnstiftend.
Welche Herausforderungen werden die Kinder- und Jugendmedizin in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren besonders prägen – und worauf sollte sich die nächste Generation vorbereiten?
Redaktionell aus den Aussagen des Interviews zusammengeführt:
Eine große Herausforderung ist jetzt schon die Sicherstellung der Versorgung aller Kinder und Jugendlichen durch kompetente Ärzte und Pflegepersonal. Wir brauchen genügend Kinderärztinnen und Kinderärzte – sowohl in den Kliniken als auch in der ambulanten Versorgung. Das Gleiche gilt für die Pflege und die medizinischen Fachangestellten. Die Ausbildung muss differenziert bleiben und weiterentwickelt werden, damit ausreichend gut qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stehen.
Eine weitere Herausforderung wird sein, die wegen neuer Therapiemöglichkeiten zunehmende Zahl langfristig überlebenden, aber immer noch chronisch kranken Kinder ausreichend zu begleiten. Die Medizin macht enorme Fortschritte, aber viele Kinder bleiben chronisch krank und brauchen deshalb Unterstützung in vielen Bereichen ihres Lebens.
Dazu gehört schließlich auch der Übergang von der Kinder- in die Erwachsenenmedizin. Die Jugendlichen müssen lernen, zunehmend selbst Verantwortung für ihre Erkrankung und ihre Behandlung zu übernehmen und gleichzeitig eine Perspektive für Ausbildung und Beruf zu entwickeln.
Und schließlich wird es darauf ankommen, Spezialisierung und Digitalisierung so zu nutzen, dass die Ganzheitlichkeit der Kinder- und Jugendmedizin erhalten bleibt. Bei allen medizinischen und technischen Fortschritten dürfen wir das Kind, seine Familie und sein Leben außerhalb der Klinik nicht aus dem Blick verlieren.
Vielen Dank, lieber Georg, für das persönliche Gespräch, Deine offenen Einblicke und vor allem für Dein langjähriges und außergewöhnliches Engagement für die Kinder und Jugendlichen sowie für die Stiftung COURAGE. Wir freuen uns sehr, dass du COURAGE auch weiterhin verbunden bleibst und unsere Arbeit mit Deiner Erfahrung und Deinem Rat begleitest.
Bild © UKHD




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